Mit der Eisenbahn an die Ostsee nach Danzig

Neun Stunden dauert die Fahrt mit der Eisenbahn von Bautzen an die Ostsee nach Danzig.

Ideal ist vor allem die direkte Verbindung zwischen Dresden und Breslau. Ich erinnere mich noch, als diese Verbindung kurzzeitig eingestellt wurde und zeitintensive Umstiege in Kauf genommen werden mussten. Besonders zwischen Zgorzelec und Breslau waren die beiden Zugteile vom Trilex gut gefüllt, viele Reisende standen sogar. Kein Wunder, ist eine Bahnfahrt in Polen durchaus preisgünstig. Für rund 45 Kilometer zwischen Bautzen und Görlitz habe ich 8,60 Euro bezahlt und die rund 165 Kilometer von Zgorzelec nach Breslau kosten bei der polnischen Bahn ungefähr 6,30 Euro. Insgesamt 14,90 Euro. Kaufe ich über die Webseite der deutschen Bahn eine Fahrkarte für die gesamte Strecke, kostet diese 33,40 Euro. Bei der polnischen Bahn konnte ich für die Rückfahrt kein Ticket nach Bautzen kaufen, da die Spreestadt in deren System nicht bekannt ist. Deshalb ist es für den Rückweg sinnvoll, die Fahrkarte bei der polnischen Bahn bis Zgorzelec zu lösen und anschließend beim deutschen Zugbegleiter in Görlitz ein weiteres Ticket zu erwerben.

Ab Breslau ging es mit dem Intercity weiter. Zum Umsteigen waren nur neun Minuten Zeit, was definitiv zu kurz ist. Der Schaffner hatte schon gepfiffen, als ich gerade noch reinspringen konnte und sich die Türen hinter mir schlossen. Die Fahrkarte kaufte ich vorab im Internet, da für diese Strecke unbedingt ein Sitzplatz reserviert werden muss. Tatsächlich waren alle Plätze bis Danzig belegt. Stieg ein Fahrgast aus, wurde dessen Sitzgelegenheit durch neu zugestiegene Reisende in Beschlag genommen. Die Fahrkarte von Breslau nach Danzig kostet 70 Zloty, also rund 16 Euro. Anstrengend ist es schon, so viele Stunden im Zug zu sitzen und ein kleiner Spaziergang durch die Wagen empfehlenswert. Vor dem Fenster zogen die verschiedensten Ortschaften und zahlreiche Bahnübergänge vorbei, an denen ein Wärter die Schranke per Hand runtergekurbelt hatte. Gern beobachte ich auch die Menschen auf den Bahnsteigen. Da sind Angehörige, die winkend ihre Liebsten verabschieden, oder Väter, die ihre Tochter abholen und nach einer kurzen Umarmung deren Koffer zum Auto tragen. Ich überlege dann immer, ob die Mutti daheim den Kaffee fertig, vielleicht sogar einen Kuchen gebacken hat.

Am Nachmittag war Danzig erreicht. Der Bahnhof ist ein wenig kurios, da sich das Empfangsgebäude etwas abseits von dem Tunnel befindet, der die einzelnen Bahnsteige verbindet. Bis in die Altstadt sind es nur wenige Gehminuten. Vorbei an Wohngebäuden, sowie Ladengeschäften, in Richtung Marienkirche, die von weitem sichtbar über die Dächer ragt.

Nach dem Zeiten Weltkrieg lag in Danzig kaum ein Stein auf dem anderen. Umso erstaunlicher erscheint es, wie viele Häuser im historischen Stil wieder aufgebaut wurden. Hin und wieder zwar noch freie Flächen, oder Gebäude, die architektonisch nicht so ganz in das Gesamtbild passen wollen, doch insgesamt ist alles schön anzusehen. Rund um den langen Marktplatz befindet sich ein Restaurant neben dem anderen. Kellner stehen mit der Speisekarte davor und möchten bereits Vormittag um zehn zum Mittagessen einladen. Souvenir- sowie Schmuckgeschäfte mit Bernsteinen in jeglichen Formen, Wechselstuben und alles was sonst noch für Reisende interessant sein könnte. Im historischen Zentrum von Danzig ist es sehr touristisch. Das somit auch die typischen motorbetriebenen Piratensegelschiffe für Rundfahrten auf dem Fluß nicht fehlen dürfen, scheint irgendwie logisch. Ob es diese dort vor vielen hundert Jahren auch schon gab? Egal, warum allerdings englische Seemannslieder aus den Lautsprechern schallen, verstehe ich nicht so ganz. Heimische Klänge sind dafür von den Straßenmusikanten zu hören, andere Künstler versuchen es mit einer Feuershow oder Zauberei. Auf dem gegenüberliegenden Ufer der Mottlau ist es merklich ruhiger. Ohnehin befinden sich dort die besten Positionen, um das berühmte Krantor zu fotografieren. Das Riesenrad passt meines Erachtens nicht so ganz in die historische Altstadt, jedoch scheint es besonders für Kinder eine Attraktion zu sein. Gruselig und nichts für schwache Nerven, ist die Ausstellung über mittelalterliche Foltermethoden im Gefängnisturm. Darin befindet sich auch das Bernsteinmuseum. Wenn ich daran denke, dass ich am Ostseestrand nur winzige Bernsteine entdecke, dann ist es schon erstaunlich, was für große Steine, teilweise sogar mit eingeschlossenen Insekten, von Schatzjägern ausgegraben wurden.

Wer mehr über die jüngere Geschichte erfahren möchte, dem kann ich das Europäische Zentrum der Solidarität empfehlen. Schon die Fassade aus rostigem Stahl erinnert an die „Lenin-Werft“ in der 1980 die Gewerkschaft Solidarność aus einem Streik der Arbeiter entstand. Bis 1989 sollten die Mitglieder sowie Unterstützer der Solidarność maßgeblich zum politischen Umsturz in Polen beitragen. Das mir bisher nur aus den Medien bekannte blaue Eingangstor blieb erhalten. Noch heute passieren es viele Werftarbeiter täglich.

Auf dem Rückweg von der Werft zur Altstadt lohnt ein Besuch im Postmuseum. Die Post in Danzig gilt als Symbol für den Widerstand gegen die Deutschen Besatzer. Vierzehn Stunden verteidigten die Mitarbeiter das Gebäude, ehe die Wehrmacht Benzin in den Keller pumpte und anzündete. Nahezu zeitgleich, eröffnete die als Schulschiff dienende Schleswig-Holstein das Feuer auf der Westerplatte. Der Beschuss eines dort befindlichen Munitionslagers war der Beginn vom Zweiten Weltkrieg.

Einen Ausflug zur Westerplatte mit öffentlichen Verkehrsmitteln empfehle ich nur, wenn ihr wirklich viel Zeit habt. Einplanen würde ich ungefähr drei Stunden. Zwar sieht die Strecke auf der Karte recht kurz aus, doch fahren die Busse teilweise nur stündlich und ihr verbringt somit erstmal einige Minuten an einer Haltestelle, bis es überhaupt los geht. Bus 138 fährt ab dem Hauptbahnhof kleine Umwege zum Container- sowie Schüttguthafen, sammelt dort zahlreiche Arbeiter ein und holpert anschließend in Schrittgeschwindigkeit über einen Weg, den ich nicht als Straße bezeichnen würde. Auf dem Rückweg das gleiche Spiel. Außer dem Denkmal und einigen Souvenirständen, an denen es imitierte Gasmasken aus dem Krieg zu kaufen gibt, ist auf der Westerplatte nicht viel zu sehen. Warum ich trotzdem hin bin? Ausreichend Zeit, Spaß am Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Interesse und natürlich um sagen zu können: „Ich war da, wo der Zweite Weltkrieg begann.“

Lohnenswerter ist ein Ausflug mit der Regionalbahn nach Sopot. Viele Schulklassen taten das gleiche und strömten in den Badeort zur Seebrücke. Es hatte anfangs leicht geregnet und trotzdem waren dort sehr viele Leute unterwegs. Ich möchte nicht wissen was in Sopot zur Ferienzeit los ist. Rund um die Seebrücke schwammen Algen im Wasser, doch einige Meter weiter ist der Strand sauber und bestens zum baden geeignet. Kleine Holzbuden, an denen Getränke, Kuchen und Fischgerichte verkauft werden, sind an der Strandpromenade alle paar Meter zu finden.

Nördlich von Sopot liegt die Hafenstadt Gdynia. Gdynia bildet mit Sopot und Danzig die sogenannte Dreistadt. Vermisst habe ich einen zentralen Marktplatz mit Kirche, Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und Kaffees. Ich vermute Gdynia ist eher eine Stadt, in der gearbeitet wird, um das Geld anschließend in Danzig oder Sopot wieder auszugeben. Architektonisch gibt es allerdings einiges zu sehen. Zumindest für all jene, die wie ich auf Bauhaus und Moderne (vergleichbar Haus Schminke in Löbau oder Bat’a-Kaufhaus in Liberec) stehen.

Mit der Regionalbahn ging es zurück nach Danzig. Dank freiem Internet im Zug konnte ich herausfinden, dass der Stadtteil Langfuhr (Wrzeszcz) in dem Günter Grass lebte, unmittelbar auf der Strecke liegt. In der Schule „mussten“ wir seine Bücher „Die Blechtrommel“ und „Im Krebsgang“ rezensieren. Das Geburtshaus sowie andere Orte aus dem Leben des Schriftstellers habe ich mir nicht angesehen, da es schon langsam dunkel wurde und ich wenigstens noch ein Foto von der Bank mit den beiden Skulpturen schießen wollte. Diese befindet sich auf dem plac Generała Józefa Wybickiego, neben dem Brunnen. Anfangs saß dort nur der Blechtrommler. Dem verstorbenen Schriftsteller und berühmten Sohn der Stadt, wurde nach dessen Tod ebenfalls ein Denkmal gewidmet.

Ich bin mir sicher, wer selbst einmal in Danzig und Umgebung war, wird an dieser Stelle weitere Ausflugsziele und Sehenswürdigkeiten aufzählen können, doch wie immer ist die Zeit viel zu kurz um alles zu sehen. Eigentlich auch gut so, denn schließlich soll es viele Gründe zum wiederkommen geben.

Anmerkung: Ich verwende deutsche Ortsbezeichnungen, wenn ich der Meinung bin, dass diese für meine deutschsprachigen Leser geläufiger sind.

Alle Bilder wurden mit der Fujifilm X-E1 und dem 27mm Objektiv fotografiert.

Gdańsk
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Straßenmusik mit der Gruppe „Przed Nami“ in Gdańsk // Danzig.
Gdańsk
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Marienkirche in Gdańsk // Danzig
Marienkirche in Gdańsk // Danzig
Marienkirche in Gdańsk // Danzig
Marienkirche in Gdańsk // Danzig
Marienkirche in Gdańsk // Danzig
Marienkirche in Gdańsk // Danzig
Marienkirche in Gdańsk // Danzig
Marienkirche in Gdańsk // Danzig
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Markthalle in Gdańsk // Danzig
Gdańsk
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Bahnhof in Gdańsk // Danzig
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Weg zur Freiheit in Gdańsk // Danzig.
Tor zur Werft in Gdańsk / Danzig.
Tor zur Werft in Gdańsk // Danzig.
Europäisches Zentrum der Solidarność in Gdańsk // Danzig.
Werft in Gdańsk Danzig
Werft in Gdańsk Danzig
Werft in Gdańsk Danzig
Werft in Gdańsk Danzig
Werft in Gdańsk Danzig
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Skulpturen von Günter Grass und dem Blechtrommler in Gdańsk // Danzig.
Skulptur vom Blechtrommler in Gdańsk // Danzig.
Skulptur von Günter Grass in Gdańsk // Danzig.
Gdańsk
Skulptur von Günter Grass in Gdańsk // Danzig.
Gdynia
Gdynia
Gdynia
Gdynia
Gdynia
Gdynia
Gdynia
Gdynia
Sopot
Sopot
Sopot
Sopot
Sopot
Sopot
Sopot
Sopot
Sopot
Sopot
Sopot
Sopot
Sopot
Schriftzug „Nie wieder Krieg“ auf der Westerplatte in Gdańsk // Danzig.
Denkmal auf der Westerplatte in Gdańsk // Danzig. Hier begann der 2. Weltkrieg.
Denkmal auf der Westerplatte in Gdańsk // Danzig. Hier begann der 2. Weltkrieg.
Denkmal auf der Westerplatte in Gdańsk // Danzig. Hier begann der 2. Weltkrieg.
Gdańsk
Denkmal für den Kampf um das Postamt in Gdańsk // Danzig im 2. Weltkrieg.
Postamt und Museum in Gdańsk // Danzig.
Gdańsk
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